Deutschland brauche dringend Nachhilfe in sexueller Vielfalt, konstatiert die taz in ihrem Online-Artikel „Wenn Heteros von Homos lernen“. Denn:
„Gerade vom ungezwungeneren Umgang mit Sex könnten viele Heteros lernen – und verklemmten Menschen neue Möglichkeiten des Seins eröffnen. So sollten Männer sich endlich als Objekt der Begierde anerkennen – und die Angst davor verlieren, als schwul zu gelten, sobald sie bewusst ihre Körper einsetzen.“
Dem Artikel zufolge ist der Weg zu einer emanzipierten Gesellschaft noch lange nicht zu Ende gegangen. Ein Schlüssel dazu sei die Bereitschaft, sich mit anderen Milieus und Lebensentwürfen auseinanderzusetzen, den Blick offen und neugierig zu halten. Als gutes Beispiel dafür nennt er den heterosexuellen Barkeeper Kirill, der in einer Schwulenbar arbeitet. Dieser schätze vor allem die schärfere Selbstwahrnehmung, die er durch die Beobachtung der homosexuellen Lebenswelt erworben hat:
„‚Denn Schwule müssen selbst im vergleichsweise toleranten Deutschland ‚immer noch für das kämpfen, was für andere selbstverständlich ist.‘ Zu wissen, dass die eigene Freiheit eine Errungenschaft ist anstatt sich auf der eigenen Normalität auszuruhen, findet Kirill sehr wichtig.“






Aber wenn man der Autorin Ulrike Heider und ihrem im Frühjahr erschienenen Buch „Vögeln ist schön“ folgt, gibt es einen starken konservativen Schwenk in unserer Gesellschaft. Die Autorin behauptet sogar, eine sexuelle und soziale Revolution habe nie wirklich stattgefunden. Nach den Sexualreformern seien es vor allem kommerzielle Akteure wie die Werbeindustrie gewesen, die die sexuelle Befreiung aufgegriffen, das gesellschaftliche Bild von Sexualität dadurch entscheidend geprägt und so schließlich ausgehöhlt haben. In den 80er Jahren sei aus dem Ideal der gemeinsam erlebten und zärtlichen Sexualität das Bild vom Kampf der Geschlechter geworden, ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Unsicherheit und der Verschärfung sozialer Gegensätze. Damit ging eine neue Sehnsucht nach Verbot, Gewalt, Geheimnis und Bordell-Erotik einher. Bis heute herrsche ein „pornographisch verzerrtes Bild von Sexualität“, das „Leistungsdruck, Konkurrenzangst und Gewaltförmigkeit“ erschafft.