Julia: Hurenherz

Eine kraftvolle Erzählung unserer Kollegin Julia über den manchmal steinigen Weg als Tantramasseurin im „normalen“ (Beziehungs-) Alltag zu bestehen und aufrecht dazu zu stehen. Themen und Probleme mit denen fast alle Masseure und Masseurinnen leider immer noch zu kämpfen haben. Aber dieser Text macht Mut und Freude, zur eigenen Arbeit und inneren Berufung zu stehen sowie damit Lebenslust, Sinnlichkeit und sexuelles Wissen in die Welt zu tragen.

Tantramasseurin: ein schöner Beruf. Das kann ich endlich aus ganzem Herzen sagen, nach vielen Jahren der Auseinandersetzung mit meiner Arbeit. Im letzten Jahr, nach einer erneuten Trennung „wegen meiner Arbeit“, bin ich noch einmal verstärkt in Auseinandersetzung damit gegangen. Meine Ziele. Meine Werte. Meine Heimat. Freude, Schmerz. Ich habe drei wichtige Beziehungen in meinem Leben durch meine Arbeit verloren. Alle drei scheiterten an der Hilflosigkeit im Umgang mit den Ängsten, die meine Arbeit ausgelöst hat. An den Bewertungen. Vielleicht auch an der Angst vor den Bewertungen der Gesellschaft. An der Angst vor Verlust. Auch vor dem Verlust von Intimität und Exklusivität. Nach wirklich schlimmen Auseinandersetzungen mit meiner letzten Beziehung, meiner „großen Liebe“, in welchen meine Stellungnahme zu meiner Arbeit schlicht als Blase abgetan wurde und vielfältige Diagnosen aufgestellt wurden, die meine Tätigkeit als Tantramasseurin beurteilten oder untermalten, musste ich gehen. Mit gebrochenem Herzen, da ich das Gefühl hatte, über meinen Beruf weder gehört noch verstanden und letzten Endes auch nicht geliebt worden zu sein.

„Hurenherz! In der Seele prostituiert! Narzisstisches Wichsen. Emotionale Verrohung. Widerlich. Ekelhaft. Böse.“ Das nur ein Teil von dem, was ich mir von einem Menschen angehört habe, den ich sehr liebte. Wieso bist du in einer solchen Beziehung, fragte ich mich. Wieso erlaubst du das? Am Ende war ich ein Wrack. Ich ging in Therapie. Ich dachte, vielleicht sehe ich da wirklich was nicht und habe einen blinden Fleck und verursache nur Zerstörung und Leid in meinem Leben. Nach drei Sitzungen war klar, mein Schmerz ist der Liebeskummer, nicht meine Arbeit, also habe ich die Therapie auch wieder beendet. Gehe hin und wieder in Supervision und kläre meine Themen. Ich habe Kinder. Ich bin mit meiner Arbeit über Google zu finden. Das bedeutet, auch Schulfreunde meiner Tochter oder ihre Lehrer könnten mich übers Netz identifizieren mit dieser Arbeit. Eine Arbeit, die sogar von den Menschen, die ich ganz nah an mich herangelassen habe, in mein Herz, in mein Leben, durch den Dreck gezogen wurde.

Es ist ja oft so, dass die negativen Dinge, die einem widerfahren, ihr Gutes haben. Diese ganzen Kämpfe im Außen, die Abwertungen, die Infragestellung meiner Arbeit, das hat mich so in die Auseinandersetzung mit meinem Tun geschickt, dass ich jetzt ganz stark und fest stehe. Mit ganzem Herzen in meinem Tun bin. Wenn das ein Hurenherz ist, so ist es meins. Eines, das bereit ist, in Kontakt zu gehen, zu lieben – das höher schlägt, sooft es die Gelegenheit dazu bekommt, und sich diese auch immer wieder schafft. Für ein Leben in Freude und Kraft. Für Liebe und Willen. In meinem Kunststudium bekam ich von einer Studienkollegin einen Satz zu hören als Kommentar zu meinen Bildern: „Sinn des großen Universums ist es, große Liebhaber zu erschaffen.“ Damals wusste ich noch nichts von Tantra. Der Satz berührte mich tief und mehr und mehr wachse ich in ihn hinein. Ich sehe mich als Sexualcoach. Im Körper. Im Erleben. Ich begleite Menschen in ihren Körper, in ihre Empfindungen. Der Mensch lernt über das Erleben. Das mache ich möglich. Im Körper. Dazu gehört natürlicherweise auch die Sexualität. Es geht eigentlich um Energie. Sexualität ist unsere größte Energiequelle. Ich helfe Menschen, zu dieser kreativen Kraft einen Zugang zu finden. Ihre Wahlmöglichkeiten zu erweitern. Einen anderen Blick auf ihren Körper zu bekommen. Einen, der von Dankbarkeit geprägt ist über all die wundervollen Gefühle und Empfindungen, die er schenken kann.

Und dann sind da noch diese wunderbaren Menschen, mit denen ich arbeite. Wundervolle Menschen. Individuen. Mit schönen Werten, einer aktiven, gelebten Spiritualität, die ihre Früchte in die Welt bringt. Auf vielfältige Art und Weise. Immer aber geht es um Kraft und Liebe. Egal, in welchem Konzept. Und zwar in uns selbst und in den Menschen, die zu uns kommen. Es ist eine Arbeit, die uns zur Weiterentwicklung zwingt. Durch den Kontakt, durch die Intensität, durch die Verantwortung darin. Alle Ungereimtheiten in einem selbst kommen darin mit voller Wucht ans Licht. Und das ist gut so. Wir lernen darin auch Barmherzigkeit. Uns selbst und den anderen gegenüber. Gewinnen an Liebesfähigkeit und Kraft. Welche Werte will ich also meinen Kindern vermitteln? Soll ich mich einschüchtern lassen und zurückschrecken vor all den projizierten Ängsten der Menschen rund um das Thema Sexualität und diese Arbeit aufhören? Niemals. Ich bin es mir und meinen Kindern schuldig, meinen ganz eigenen Beitrag für diese Welt zu leisten, in der ich lebe, in der meine Kinder aufwachsen.

Mein Geschenk ist mein Hurenherz. Es ist mein Beitrag dazu, dass eine Gesellschaft entsteht, die Angst, Schuld und Scham aufgibt, den Schmerz verlässt – und in der stattdessen Kontakt, Begegnung, Ehrlichkeit, Verantwortung, Freude und Kraft im Vordergrund stehen. Martina Weiser sagte einmal, eigentlich müsste es ein Denkmal für die unbekannte Sexarbeiterin geben. So wie den „Unbekannten Soldaten“. Vielleicht sind wir „bekannten“ und aus der Anonymität heraustretenden SexarbeiterInnen ja auch eine Art Denkmal für all diejenigen, die die Gesellschaft bisher stigmatisiert und ausgeschlossen hat. Mir gefällt dieser Gedanke jedenfalls und er gibt mir Mut. Und den braucht man. Bleibt also nur das, was wir in unseren Massagen immer vermitteln: „Vertraue dir. Du hast alles, was du brauchst, und du bist genau richtig, so wie du bist.“

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Nachtrag von Julia am 20. Juni 2015: 
In diesem Text ging es mir um die gesellschaftliche Stigmatisierung meiner Arbeit. Das betrifft viele meiner Kolleginnen und dafür war es gut und wichtig, diesen Text zu schreiben. Ein anderer Aspekt dieses Textes ist die Frage, wie viel Freiheit man seinem Intimpartner zugesteht und wie respektvoll man diese Frage verhandelt.

Die zahlreichen positiven Reaktionen haben mir gut getan und mir geholfen eine andere Perspektive einzunehmen – vielen Dank. 
Im Nachhinein merke ich, dass ich viel an eigenen Themen an meine Partner delegiert habe . Das die Männer irgendwie nicht gut weg kommen in meiner Erzählung – es ist mir ein wichtiges Anliegen das zu korrigieren.

Heute, mit etwas Abstand, kann ich die Position meiner Partner besser verstehen. Gerade in der letzten Beziehung waren starke Gefühle mit im Spiel. Das löst Ängste aus.

Meine Arbeit ist ein zusätzlicher Faktor, der Irritationen hinein bringt in eine Welt, in der Beziehung über sexuelle Exklusivität definiert wird. Einer Welt, die meiner Arbeit wenig bis gar kein Respekt entgegenbringen kann. Die Vorstellung, dass es nichts Gutes im Falschen geben kann. Das Scheitern gar nicht einmal die Arbeit selbst, sondern der Umgang mit den eigenen Ängsten. Auf beiden Seiten. Die eigenen Grenzüberschreitungen in das Weltbild des Partners hinein, um die Beziehung zu halten und den anderen dafür verantwortlich zu machen. Das haben wir beide gleichermaßen gemacht. Auch das ist verständlich und es passiert oft!

Dennoch bleibt es einfach eine Tatsache, dass es nicht leicht ist, diese Arbeit mit einer konventionellen Beziehung zu vereinbaren. Beziehung ist aber nie leicht. Positiv betrachtet gibt uns das auch die Chance zu reifen und echte Beziehung leben zu können. Eine Beziehung die nicht auf den üblichen oberflächlichen Werten beruht wie dem äußerem Erscheinungsbild, dem finanziellen Status, der emotionalen Abhängigkeit und den gesellschaftlichen Notwendigkeiten.

Wer seine Liebe seiner Sicherheit opfert, zahlt einen noch höheren Preis.

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Julia gehört zu den Liberty Fach–frauen im Ananda Team.
Berührung und die Auseinandersetzung mit Sexualität, über die Kunst, im privaten und schließlich im Beruf, brachte sie sehr stark in den Körper, in die Verbindung mit sich selbst, der eigenen Liebesfähigkeit und kreativen Lebenskraft.
Sie versteht ihre Arbeit als einen Beitrag zur Integration von Sexualität in jedem Einzelnen und in der Gesellschaft und vor allem als eine bewusste Hinwendung zur Freude, Fülle und Süße des Lebens.

5 Gedanken zu „Julia: Hurenherz

  1. Hi,
    vielen Dank für diesen guten Artikel. Die Schwierigkeiten im Bereich Paarbeziehung sind wirklich manchmal sehr anstrengend. Auch ich habe schon oft Probleme wegen meiner Arbeit gehabt, sei es wegen mit Nachbarn, Freunden oder meinem Partner. Schön zu lesen, dass ich nicht alleine damit bin.

    Herzliche Grüße

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  2. Schön, dass ich nicht allein bin in der schwierigen Auseinandersetzung mit meinem Beruf und meinen teils unverständigen Klienten, Partnern, Freunden, Mitmenschen… Ich wollte auch schon das ein oder andere mal „hinschmeißen“ und immer dann kam ein Gast welcher mir gezeigt hat, dass ich wundervolle Arbeit leisten kann mit dem was ich tue wenn mein Gegenüber bereit ist, sich auf diesen neuen Weg jenseits der gewohnten und vermittelten orgasmusfixierten, zielgerichteten Sexualität einzulassen. Für viele meiner Mitmenschen ist es unvorstellbar, ein Genital mit der gleichen Energie zu berühren wie eine Hand, eine Stirn, einen Zeh… Jeder Teil unseres Körpers ist wichtig und weder zu verherrlichen noch zu negieren…

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  3. Liebe Julia,
    danke für deinen Artikel!
    Es gibt einfach Menschen, die sind ihrer Zeit voraus und die haben es immer schwer.
    Lass dich nicht unterkriegen und gehe deinen Weg!
    Wir können nur hoffen, dass immer mehr Menschen offener, toleranter und angstfreier werden. Ich habe noch gar nicht so lange mit dem Thema zu tun. Bin durch eine Freundin in eine Tantragruppe gekommen und lernte durch sie auch Tantra, Yoni- und Lingammassagen kennen- wie wunderbar!
    Ich habe es selber erlebt, dass Menschen sehr sonderbar reagieren. Ich war bei einer Bekannten zu Besuch. Am nächsten Tag hat sie mich rausgeworfen, mit der Begründung, ich sei für ihren Freund und eine junge Frau, die zu Besuch war eine Bedrohung, weil ich so offen über Sex und Tantra geredet habe. Fand ich total krass, sowas ist mir noch nie passiert, dass mich jemand rauswirft, und das war in der Schweiz, ein paar hundert Kilometer von meinem Zuhause.
    Aber noch was anderes: Du hast geschrieben, dass du deine „große Liebe“ verloren hast. Da gibt es für mich einige Ungereimtheiten. Muss dazu sagen, ich bin Psychotherapeut, mit Schwerpunkt spirituelle Psychotherapie.
    Wie konntest du überhaupt einen Menschen, der so respektlos und abwertend dir gegenüber war so nah an dich heran lassen? Du hättest doch eigentlich schon nach ein paar Treffen mit diesem Mann merken müssen, wie der drauf ist. Ich hätte mich an deiner Stelle sofort wieder davon gemacht. Welche Illusionen und Vorstellungen hattest du über diesen Mann. Welche Träume und Konzepte hast du in ihn reininterpretiert? Ich hoffe für dich, dass dir sowas nicht nochmal passiert, dass du dich selber so liebst, dass du dir so ein Verhalten nicht bieten lässt, wie toll auch immer ein Mann erstmal erscheinen mag.
    Lieben Gruß
    Ralph

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  4. Es gibts nichts schlimmeres als die Unterdrückung des Schönsten in uns! Das Potential welches wir seit unserer Geburt in unserem Herzen mit tragen und was darauf wartet, endlich als Geschenk an die Menschheit weiter gegeben zu werden.
    Die Angst welche wir haben müssen, da es Menschen gibt, die zwar vorgeben unser Freund zu sein, jedoch nur Freund sind, weil sie uns dazu bringen erst Recht das zu tun, was wir am Besten können. Das zu leben und zu verteidigen, was unsere Wahrheit ausmacht.

    Ich kann die Autorin absolut verstehen.
    Und habe auch „nur Angst“ vor genau solchen Menschen, die mich und meine Arbeit schlecht machen. Und bisher auch geschafft haben, mein wirkliches Licht erstrahlen lassen zu können.

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