Ananda-Masseurin Julia über „Shades of Grey“

fifty-shades-grey-erstes-57067_bigMit dem Auftrag, als Liberty-Fachfrau einen Blogbeitrag für Ananda zu schreiben, habe ich mir den Film „Shades of Grey“ angesehen. Ich hatte keine großen Erwartungen, da ich bereits viele Stimmen aus der BDSM-Szene und von SexarbeiterInnen vernommen hatte, die alle negativ ausfielen. Allerdings fand ich den Film tatsächlich noch schlechter als erwartet. Das unsichere, verschüchterte, jungfräuliche Mädchen trifft auf den attraktiven Multimilliardär, der sie in die Welt des BDSM einführt. Bis dahin ein schlechter Liebesroman, aber man könnte die Fantasie von einem starken, erfolgreichen Mann durchaus verstehen und stehen lassen. Dass BDSM in einer Mainstream-Verpackung daherkommt, könnte man durchaus eher als positiv sehen und hoffen, dass Menschen dadurch neue Wege finden, ihre Lust zu vertiefen, zu erweitern. Wie so oft aber, wenn der Mainstream mit Sexualität angesprochen wird, wird pathologisiert. Das fand ich schon bei Nynphomaniac schade. Entgegen der alten Vorstellung der pervertierten sexuellen Entwicklung hin zu BDSM durch früheren Missbrauch oder eine geistige Störung zeigen aktuelle Studien, dass Paare, die BDSM leben, sogar eine bessere mentale Gesundheit aufweisen, dass sie ausgeglichener sind, weniger neurotisch, offener, empfindsamer für die Grenzen des Partners und insgesamt sicherer in ihrer Beziehung stehen. Quelle: Huffingtonpost Mr. Grey, die männliche Hauptfigur des Films, aber hat eine traumatische Vergangenheit und bearbeitet seine Verletzungen über seine Beziehung, bzw. seine Sexualität. Bis hierhin ist alles noch nachvollziehbar − wer macht das denn nicht? Die eigene Geschichte spielt auch in unserer Sexualität eine Rolle und jeder findet Wege, diese zu leben und damit auf einem guten Weg zu sein. Fifty-Shades-of-Grey-Trailer-DeutschDiese Geschichte aber beschreibt eine Sexualität voller Grenzüberschreitungen, die als Missbrauch gedeutet werden könnten. Mal abgesehen vom klassischen Gender-Kitsch „starker Mann, schwaches Weibchen“. Eine Neuauflage von der Geschichte der O, die von ihrem Herrn zu seiner Lustsklavin erzogen wurde, die für all seine sexuellen Gelüste und die seiner Gäste zur Verfügung stand. Das war damals ein Skandal, war allerdings deutlicher und nur für eine Subkultur geschrieben, nicht für den Mainstream. In der BDSM-Welt gibt es alle denkbaren Konstellationen. Die meisten nutzen BDSM schlicht für ein Ritual, eine Session, eine Vereinbarung für einen bestimmten Zeitrahmen, um ihre Sexualität zu intensivieren, um mal die Kontrolle abgeben zu können und einen neuen Raum zu öffnen. Aber es gibt bei einigen natürlich die 24/7-Variante, dass Menschen 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, also ihr Leben komplett in den Dienst dieser Rolle stellen. fifty-shades-of-grey-150122Das Spiel mit Macht und Ohnmacht setzt eine gewisse Reife voraus. Die Grenzen sind fließend und das Spiel bekommt zuweilen eine Eigendynamik. Die eigenen Emotionen und die Verliebtheit erweitern vielleicht vorhandene Grenzen, und schon ist man in einem Bereich, der schnell sehr verletzend sein kann. Wer sich hier noch nicht gut auskennt, den eigenen Körper und auch die eigenen Grenzen nicht, kann recht plötzlich in einer Geschichte wie in die aus „Shades of Grey“ verstrickt sein. Was wir in der Liberty-Massage anbieten, ist ein Forschungsraum. Eine begrenzte Zeit darf man einfach nur annehmen. Wie in der Tantramassage auch. Wir übernehmen eine aktive Rolle und führen unseren Gast in Bereiche seiner Lust, die er vielleicht vorher noch nicht erfahren hat. Der Gast muss sich um nichts kümmern, darf in seinem Körper und seiner Empfindung sein. Es geht bei uns in jedem Fall um die Lust. Diese zu erforschen, zu erweitern, diese lebendige Kraft zu ehren und zu nähren. Im Kontakt, mit sehr viel Nähe. Und immer (!) in einem Raum, der sicher, gesund und im gegenseitigen Einverständnis ist (safe, sane, consensual). „Das Haus der Liebe hat viele Zimmer. Bleib nicht im ersten stehen.“ Ein wunderschöner Satz, dem ich nur aus vollem Herzen zustimmen kann. Wer also erste Erfahrungen mit BDSM sammeln mag, ist tatsächlich, außerhalb einer Beziehung, die von Vertrauen und Liebe getragen ist, besser beraten, sich an Menschen zu wenden, die einen sicheren Raum garantieren für die eigene Entdeckungsreise. Sei es bei uns oder in einem der vielen Seminare und Workshops von Kollegen, von Bondage bis hin zu anderen Spielarten von BDSM. In einem Rahmen, der Sexualität erforschen möchte, frei von Kompensationsmechanismen und getragen von Kontakt und Nähe. faders_example

Julia-500x300Julia gehört zu den Liberty Fachfrauen im Ananda Team. Berührung und die Auseinandersetzung mit Sexualität, über die Kunst, im privaten und schließlich im Beruf, brachte sie sehr stark in den Körper, in die Verbindung mit sich selbst, der eigenen Liebesfähigkeit und kreativen Lebenskraft. Sie versteht ihre Arbeit als einen Beitrag zur Integration von Sexualität in jedem Einzelnen und in der Gesellschaft und vor allem als eine bewusste Hinwendung zur Freude, Fülle und Süße des Lebens.

 

Ein Gedanke zu „Ananda-Masseurin Julia über „Shades of Grey“

  1. Über BDSM gibt es viel zu lesen. Für mich das Problematische scheint der Einstieg zu sein. Wo sind meine Grenzen? Vor einer Session kenne ich die mangels Erfahrung nicht. Empathie ist wohl die wichtigste Voraussetzung. Ich überlege seit geraumer Zeit, habe mich bisher nur nicht vertraut, den Schritt dahin zu wagen.

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