Dhyans Geschenk

Dhyan1Dhyan, März 2014 im Arp Museum, Bahnhof Rolandseck

Unsere Kollegin und Freundin Dhyan ist gestorben. Wir, ihre ANANDA-Schwestern, denken an sie mit viel Freude und Inspiration.

Als TantramasseurInnen befassen wir uns mit bewusster Körperwahrnehmung, intimer Berührung eines unbekannten Menschen und erotischer Kunst. Themen, die für uns Alltag sind, vertraut und inspirierend. Für andere Menschen sind sie jedoch ungewöhnlich und für viele auch ein Tabu. Etwas, dem mensch lieber ausweicht.

Seit September 2013 waren wir selbst mit einem ungewohnten Thema konfrontiert. Unsere Kollegin Dhyan teilte uns mit, dass sie Krebs hatte. Sie entschied sich, keine Chemotherapie zu machen und nicht zu kämpfen. Statt dessen begann sie, die Situation zu akzeptieren und sich auf ihren Tod vorzubereiten.

Durch ihre Offenheit mit dem Thema „Sterben“ und ihrer Erlaubnis und Einladung an uns, sie so nah begleiten zu dürfen, hat sie uns allen aus dem Ananda-Team ein großes Geschenk gemacht. Ihr letzter Weg ist durch Mut, ein großzügiges Herz, sowie dem hohen Anspruch, die Welt durch ihr Dasein mit Schönheit und Liebe zu bereichern, erfüllt gewesen. Dieser Weg hat uns nicht zuletzt deshalb alle so sehr bewegt, weil er in seiner Größe viel mit unserer Massagearbeit in ihrer schönsten Form zu tun hat. Wir, die wir Euch sonst auf der körperlichen Ebene berühren, möchten Euch deshalb an diesem letzten Geschenk von Dhyan, das unsere Herzen so tief berührt hat, teilhaben lassen – ein Wunsch, den sie als Auftrag an uns hatte und den wir gern so gut wie möglich erfüllen.

An dieser Stelle lassen wir Isabella sprechen. Sie ist eine der Freundinnen aus dem Ananda-Team, neben Antonia und Christine, die Dhyan bis zum letzten Tag sehr nah begleitet haben:

„Dhyans Wunsch war es, dass ich davon erzähle, wie es für uns war sie zu begleiten.

Wir, das sind Freundinnen und Freunde aus alten Zeiten, Arbeits-Kolleginnen vom Ananda, innige Herzens-Beziehungen die in den letzten Jahren oder sich sogar erst im Verlauf ihrer Krankheit entwickelt haben. Menschen, die sich entschlossen haben, jeder auf seine eigene und sehr unterschiedliche Art, Dhyan auf ihrem Weg zu begleiten und die Zeit bis zu ihrem Tod bewusst mit ihr zu teilen.

Dhyan hatte Angst vor Einsamkeit und Hilfsbedürftigkeit aufgrund ihrer Krebs-Erkrankung. Sie hat das nicht verheimlicht, im Gegenteil, sie hat es immer wieder laut ausgesprochen und das war gut so, denn damit hat sie uns alle eingeladen.

Es war eine Einladung in unbekanntes Gebiet. Die wenigsten von uns hatten bis dahin Erfahrung in der Begleitung eines todkranken Menschen in dieser Intensität. Doch Dhyans Offenheit und ihr deutlicher Einsatz dafür, im Netz liebevoller Menschen geborgen zu sein, löste große Anteilnahme aus. Sie bekam regelmäßig und viel Besuch und Unterstützung auf allen Gebieten, z.B. beim Einkaufen, Wäsche aufhängen, sie beriet sich mit uns über Pflege und ärztliche Betreuung und Hospizdienste und sie baute ihre Wohnung so um, dass sie auch mit ihrer eingeschränkten Mobilität weiterhin unabhängig leben konnte.

Denn trotz abwechselnder Phasen der Verzweiflung und Unsicherheit wie es weitergeht, war Dhyan immer wieder von großem Lebensmut und Gestaltungsfreude erfüllt und beflügelt. Es war lange Zeit völlig offen wie schnell oder langsam sich der Krebs in ihrem Körper ausbreitet. Es gab sogar immer wieder Zeiten wo wir alle und sie eben auch an Heilung glaubten. Mit Dhyan darüber im Kontakt zu sein und offen und ehrlich mit ihr zu reden, war manches Mal schwer oder brauchte auch Mut. Und bis zum Schluss ließ sie es sich nicht nehmen, es auch auf einen Streit ankommen zu lassen, wenn sie von ihrer Sache überzeugt war.

Dhyan hatte eine Vision: Sie wollte Menschen im Herzen berühren und ein großes Netzwerk gründen in dem sich alle gegenseitig unterstützen und miteinander verbunden sind.

In unseren Augen hat Dhyan in der letzten Phase ihres Lebens diese Vision verwirklicht. Bis zum Schluss, als sie auch schon bettlägerig war, hat Dhyan trotz der körperlichen Einschränkungen mit unglaublicher Energie und großer Weisheit an diesem Netz geknüpft. Das konnten wir erleben, die ihr nahe waren. Sie hat einen Raum geschaffen, in dem sich ihre Freunde mit dem Herzen begegnen konnten.“

DhyanGesteck

Jetzt ist sie unwiderruflich fort. Wir können sie nichts mehr fragen, ihr nicht mehr zuhören, nicht mehr mit ihr reden, streiten oder lachen. Sie nicht mehr umarmen. Das tut weh.

Gleichzeitig und gar nicht so weit neben diesem Schmerz sind Dankbarkeit und Freude. Denn mit ihrer Offenheit schenkte Dhyan uns allen die Möglichkeit, sie bis zuletzt zu begleiten und bewusst Abschied zu nehmen. Wir können uns auch Gedanken machen, wie wir unseren Weg gestalten wollen, wenn unsere Zeit kommt.
So ist sie immer noch bei uns. In unseren Erinnerungen. In den Herzensbeziehungen, die in dieser Zeit gediehen sind. In all dem, was sie mit ihrer Offenheit und Klarheit und mit ihrem Mut in unseren Leben bewirkt hat.

Fotos: Antonia Vilos

3 Gedanken zu „Dhyans Geschenk

  1. Liebe Ananda-Freundinnen!

    Viele Texte auf eurer Webseite, insbesondere die unterschiedlichen Erfahrungsberichte, haben mich sehr berührt. Denn sie lassen erahnen, mit welcher Liebe zum Leben, den Menschen, deren Körper und Seele ihr arbeitet.
    Dieser Text hat mich aber auf einer ganz besonderen Ebene berührt. Daher danke ich Dhyan und euch allen für eure Offenheit, die mich ermutigt offener mit mir selbst umzugehen.

    Ich freue mich euch eines Tages auch zu besuchen und kennen zu lernen.
    Wenn die Zeit dafür gekommen ist…

    Namasté!

    Tina

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    • Liebe Tina,
      vielen Dank für Deine berührenden Worte. Wir, sicher auch Dhyan auf irgendeiner Ebene, freuen uns sehr, wenn Dir der Beitrag gefallen hat und Dich ermutigt.
      Genieße eine wundervolle Zeit,
      Stefanie

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  2. Vielen Dank für den wunderschönen Artikel über Dhyan. Immer wieder denke ich an sie und an unsere gemeinsame Zeit im Dakini Stuttgart. Ich bin sehr dankbar, dass ich sie im Juli letzten Jahres nochmals besuchen durfte. Ja, es ist aussergewöhnlich mit welchem Mut und Gelassenheit sie ihren Weg gegangen ist. Ein Geschenk für uns, die wir noch ein Weilchen hier bleiben. Herzliche Grüsse an Euch alle vom Ananda von Lea

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