Die 61. Stimme: Die Kunst der Berührung

Amritablog„60 Stimmen“ nannte die Frauenzeitschrift Brigitte eine Kolumne, in der sie zum 60-jährigen Bestehen des Magazins in diesem Frühjahr ihre Leserinnen zu Wort kommen ließ. Tolle Idee. Mir fiel einiges ein, was ich dazu schreiben wollte. Erst nachdem ich (m)ein Thema gefunden hatte, entdeckte ich leider, dass es einen Einsendeschluss gab, dessen Datum nun schon vorbeigezogen war. Schade.

Nach den üblichen Phasen (mich ärgern, trauern und mich trösten) fiel mir ein, dass es andere Möglichkeiten als die Brigitte gibt, um sich zu äußern. Hier also, auf dem Ananda-Blog: die 61. Stimme.

Die Kunst der Berührung

Es gibt für mich nichts Schöneres, als einen Menschen zu berühren. Dabei mit der ganzen Hand die zarte Flanke des Körpers zu umfassen. Daran entlanggleiten und diese besondere Wärme spüren, die menschlicher Haut eigen ist. Aus meiner Handmitte strömt dann die Wärme, die jeden Zentimeter Haut in diesem zeitlosen Moment spüren lässt, dass sie geliebt wird. Wenn diese Wärme willkommen ist, sickert sie unter die Haut, in jede Zelle – und ins Herz. In der Landschaft eines menschlichen Körpers gibt es so viele verzauberte Stellen: Erhebungen, Senken, lange schmale Flächen und kleine Kuhlen. Jede fühlt sich anders an, hat ihre eigene Qualität, jede birgt ihre eigene Magie. All diese Stellen in der Landschaft eines Körpers sehnen sich nach den schwirrenden Funken, nach dem Wohlbehagen, das durch meine Hände einfließt.

Wir nennen diese Kunst der Berührung Tantramassage. Mit dem Wort „Massage“ können die Gäste etwas anfangen, es vermittelt ihnen etwas Vertrautes. Für das, was geschieht, finde ich den Begriff Massage zwar richtig, doch gleichzeitig zu kurz gefasst. Man muss ihn ausdehnen, um dem, was passiert, gerecht zu werden. Denn die Massage ist eine Art Performance, ein künstlerischer Prozess ohne Skript, der eine körperliche Handlung ohne festgelegtes Ergebnis einschließt. Wie jede Performance ist sie einzigartig und unwiederholbar.

Eine Malerin malt mit ihrem Pinsel Farben auf die Leinwand. Als Berührungskünstlerin male ich mit meinen Händen Gefühle in die menschliche Haut. Köstlich wie Schokolade, kostbar wie Gold und belebend wie Quellwasser.

Tantramassage als Kunstform anerkennen?

Wo war das bloß nochmal? Ich las etwas über Hiphop, oder war es Rap Dance? Jedenfalls ein Tanz, von Jugendlichen auf der Straße getanzt, der anfangs misstrauisch beäugt wurde. In dem Artikel war zu lesen, dass dieser Tanz heute als Kunstform anerkannt ist. Eine Entwicklung, die nicht vorhersehbar war, dennoch folgerichtig. Eine Entwicklung, die ich mir auch für die Tantramassage wünsche.

Ich frage mich, besonders im Zusammenhang mit den Herausforderungen, denen Tantramasseure/Innen zurzeit begegnen: Wie wird Tantramassage wahrgenommen? Ist sie schon ein Thema geworden, über das man ohne Scham und Vorurteile diskutieren kann, auch mit Freunden und Verwandten?

Die Diskussionen in der Politik gehen an die Substanz: Gehört Tantramassage zur Prostitution oder nicht? Verstehen wir uns als Sexarbeiter/Innen? Manche Tantramasseure/Innen sehen es so. Und manche sind Mitglieder im Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD), der um die Anerkennung der Sexarbeit als Beruf kämpft – als freien Beruf.

Vielschichtige Gefühle, berührende Performances

Kunst gehört zu den freien Berufen. Und viele Künstler/Innen machen den nackten Körper oder Sexualität im Allgemeinen zu ihrem Thema. Ob sie dieses Thema nun in Malerei umsetzen, in Musik, in Fotos oder im Schauspiel – warum nicht auch in berührenden Performances? Ist nicht Kunst der gesellschaftliche Raum, in dem mit Nacktheit oder/und Sexualität moralisch frei und entspannt diskutiert werden kann? Kann nicht auch Tantramassage als Kunstform wahrgenommen werden und so jede/r Tantramasseur/In auch als Künstler/In?

Ich hoffe, dass das wahr wird. Denn dann kann ich noch viel entspannter und mit unbeeinträchtigtem Genuss auf menschlicher Haut farbenprächtige Gemälde aus vielschichtigen Gefühlen kreieren.

Ein Gedanke zu „Die 61. Stimme: Die Kunst der Berührung

  1. Hallo Kollegin! Danke für den wundervollen Beitrag! Da ist jemand mit Leib und Seele – vor allem mit Seele – bei der Sache! So viel liebevolle Sinnlichkeit ist wirklich allen Lobes wert! Ich wünsche Dir viel Glück und Erfolg weiterhin – und viele Kunstfreunde und Genießer ! Liebe Grüße aus Gütersloh von Hekate !

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