Ist Vögeln schön?

Droht uns eine neue Spießigkeit? Geht verloren, was die sexuelle Revolution der 68er erkämpft hat? Sind wir im Vergleich zu den sexuellen Barrikadenstürmern unfreier geworden? Für uns von Ananda wäre das eine traurige Bilanz. Schließlich setzen wir uns seit vielen Jahren mit unserer Arbeit für eine freie sexuelle Kultur ein.

71vap2mLGhL._SL1500_Aber wenn man der Autorin Ulrike Heider und ihrem im Frühjahr erschienenen Buch „Vögeln ist schön“ folgt, gibt es einen starken konservativen Schwenk in unserer Gesellschaft. Die Autorin behauptet sogar, eine sexuelle und soziale Revolution habe nie wirklich stattgefunden. Nach den Sexualreformern seien es vor allem kommerzielle Akteure wie die Werbeindustrie gewesen, die die sexuelle Befreiung aufgegriffen, das gesellschaftliche Bild von Sexualität dadurch entscheidend geprägt und so schließlich ausgehöhlt haben. In den 80er Jahren sei aus dem Ideal der gemeinsam erlebten und zärtlichen Sexualität das Bild vom Kampf der Geschlechter geworden, ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Unsicherheit und der Verschärfung sozialer Gegensätze. Damit ging eine neue Sehnsucht nach Verbot, Gewalt, Geheimnis und Bordell-Erotik einher. Bis heute herrsche ein „pornographisch verzerrtes Bild von Sexualität“, das „Leistungsdruck, Konkurrenzangst und Gewaltförmigkeit“ erschafft.

Im WDR5-Interview spricht Heider davon, dass sich in dem Erfolg des BDSM-Romans „Fifty Shades of Grey“ die neue konservative Mentalität zeigt: eine Mischung aus Porno, Gewalt und Spießigkeit. Heiders Fazit klingt düster: In Sachen Sexualmoral steuern wir auf die 50er Jahre zurück. Aber stimmt das? Ist diese Mentalitätsdiagnose angemessen?

Die Analyse mag zutreffen, wenn man vor allem die Tendenzen an der gesellschaftlichen Oberfläche und im Mainstream in den Blick nimmt. Doch Heiders Perspektive ist zu eng und zu radikal formuliert. Ihre Diagnose liefert ein zu grobes Raster für die ausdifferenzierte heutige Gesellschaft. Die Bewegungen in den tieferen Schichten, in künstlerischen Kreisen, experimentellen Milieus und Subkulturen, die sich mit Sexualität auseinandersetzen, ignoriert sie. Wenn wir uns bei Ananda selbst betrachten, fällt es uns schwer, uns in dem Koordinatensystem einzuordnen, das die teils einseitige und polarisierende Diagnose von Heider skizziert. Gehören wir zu den Kräften, welche die Sexualität aushöhlen und kommerzialisieren? Oder leisten wir einen Beitrag zur sexuellen Befreiung?

Mit der Tantramassage entwickeln und praktizieren wir eine zärtliche, sinnliche und lustvolle Berührungskunst. Uns geht es um einen offenen Umgang mit Sinnlichkeit, und wir verstehen Sexualität im Zusammenhang mit unserem Lebensethos der Freude, Würde, Behutsamkeit und Achtung vor dem anderen. Wir sehen uns also durchaus in der Tradition dessen, was Althippie Rainer Langhans das „zärtliche Ideal“ der 68er nannte. Aber wir sind in der Tat offen gegenüber verschiedenen Auffassungen und Facetten von Sexualität und integrieren auch Elemente aus der BDSM-Welt (wie Fesseltechniken) in unsere Tätigkeit. Zudem sind wir ein Unternehmen, das Geld mit den Massagen verdient. Sind wir damit in den Augen von Ulrike Heider der Gegner? Also ein Teil der von ihr beschriebenen Sexwelle, die durch kommerzielle Interessen die Ideale der Sexrevolution korrumpieren?

Wir sehen Ananda als öffentlichen Akteur, der den freien, selbstbewussten und menschlichen Umgang mit Sexualität fördert. In unserem sozialen Umfeld gibt es Menschen, die polyamore Beziehungen pflegen oder sich in anderen sexuell oder partnerschaftlich experimentellen Milieus engagieren und den Errungenschaften und Idealen der 68er einiges verdanken. Auf Heiders Karte der Sexualität sind wir jedoch ein blinder Fleck. Auch ihr Bild von Pornographie illustriert ihre oberflächliche Sicht auf unsere Gesellschaft. Sie betont in ihrem Fazit die aktuelle „explosionsartige“ Verbreitung von Pornographie und die zunehmende „Darstellung von erotisierter Gewalt“. Doch heute gibt es auch die Sparte des feministischen Pornos, und im ambitionierten Programmkino zeigt sich – etwa bei Filmen wie „Short Bus“ – dass eine explizite Darstellung von Sexualität lustvoll und zärtlich sein kann und zur offenen Diskussion mit Sexualität einlädt.

Trotzdem mögen wir Heiders Schlussplädoyer, denn sie wünscht sich, dass „Sexualität wieder im gesellschaftlichen Zusammenhang“ diskutiert wird. Sie fordert einen Aufbruch zu einem neuen Hedonismus, der Sexualität sinnlich versteht und dem es darum geht, das ganze Leben zu erotisieren. Auch wenn Ulrike Heider es nicht weiß – auf uns kann sie sich in dieser Sache als Verbündete verlassen.

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