Erotische Massagerituale

stefanieSexualität als Fertigkeit zu sehen ist unserem Kulturkreis in der Regel fremd. Die Intimität zwischen den Partnern wenn es sich um den sexuellen Bereich handelt, hat einen hohen Stellenwert: das eine ist ohne das andere kaum zu denken. Mit „Intimität“ ist häufig etwas ähnliches gemeint, wie von Richard Sennett in seinem Buch „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität“ beschrieben: Intimität entsteht durch den möglichst umfangreichen und lückenlosen Austausch der persönlichen Geschichte und psychischen Befindlichkeiten der Partner.

Finden die Partner trotz intensiven Austauschs im zwischenmenschlichen Bereich dennoch nicht zu einem erfüllten, sexuellem Leben, wird dies heutzutage als persönliches Versagen wahrgenommen, bzw. erscheint der jeweilige Partner eben nicht als der „Richtige“. Auswege werden dann teilweise durch therapeutische Massnahmen oder Selbsterfahrungskurse gesucht, in denen es um eine noch tiefere Erforschung des eigenen „Inneren“ geht. Praktiken, die sexuelles Wissen vermitteln, können allenfalls in den angebotenen tantrischen Seminaren gefunden werden. Diese Seminare, die zum größten Teil mit tantrischer Philosophie nichts zu tun haben, zielen hauptsächlich wiederum auf das eigene „Innere“ ab: die Erforschung der persönlichen Bedürfnisse, die Behandlung vergangener „Traumata“, die für mangelnde, sexuelle Genussfähigkeit verantwortlich gemacht werden oder das Einüben einer verbesserten Kommunikation zwischen den Partnern über sexuelle Themen.
Daneben pflegen tantrische Seminare allerdings eine Kultur, sexuelle Praktiken zu vermitteln. Dies wird häufig im ersten Schritt mit dem Aufbau eines sogenannten „rituellen Raumes“ eingeleitet: Kerzen und Räucherwerk werden entzündet, Blumen, festliche Tücher und anderes Dekomaterial, entspannende Musik sollen signalisieren, dass der Alltag verlassen und eine andere Welt betreten wird. Die Teilnehmer legen andere Kleidungsstücke als im täglichen Leben an, durchlaufen eine Art „Reinigungszeremonie“ in Form einer Dusche, eines Saunaganges oder einer Räucherung. Unter Anleitung eines Lehrers begegnen sich die Menschen dort durch bestimmte Begrüßungsformeln, zarte Berührungen und langsame Annäherungen. Atem- und Berührungstechniken werden vorgeführt und eingeübt, dazwischen gibt es Meditationen, zur Auflockerung wird gemeinsam getanzt.

Aus diesen Seminaren und Workshops heraus haben sich verstärkt in den letzten zehn Jahren im deutschsprachigem Raum Tantrische Massageangebote entwickelt. Auch hierbei handelt es sich nicht um originär aus der indischen, tantrischen Philosophie abgeleitete Rituale, sondern vielmehr um sinnlich – erotische Massagen, die auf der Verwendung ritueller Elemente aufbauen. Ähnlich wie bei den tantrischen Seminaren wird dort ein festlicher, besonderer Raum zur Verfügung gestellt, mit Düften, Kerzen, meditativer Musik und ansprechender Dekoration – irgendwo zwischen dem Ambiente gehobener Wellnessangebote und indisch angehauchtem Flair angesiedelt.

Seriöse Anbieter solcher Massagen legen Wert auf gut ausgebildete Masseure und Masseurinnen, die häufig über weitergefächerte Erfahrungen im Bereich der Körperarbeit und Massage verfügen. Die Massagen in diesen Instituten haben einen festgelegten, rituellen Ablauf, finden auf unpersönlicher Ebene statt -Masseur und Massierter kennen einander in der Regel nicht, die individuelle Geschichte der Beteiligten spielt nur sehr selten eine Rolle, die Berührungen gehen ausschliesslich vom Masseur aus, der Massierte bleibt ganz in der passiven Rolle und kann so ungestört die „Kunst der Berührung“ erleben. Vor Massagebeginn wird eine genauer Zeitrahmen vereinbart, der klar durch Anfangs – und Endpunkte markiert ist: einleitende Worte, ein Gong, eine kleine Begrüßungszeremonie, Wechsel der Kleidung, sowie ein deutlicher Abschluss des Rituals.

Das Vertrauen zwischen den Teilnehmern eines Massagerituals entsteht in diesem Fall nicht aufgrund einer persönlichen und intimen Beziehung, sondern gründet sich auf das Vertrauen in bestimmte Ablaufe: durch die Ausbildung und professionelle Haltung des Masseurs seiner Arbeit gegenüber, den Aufbau eines rituellen und unpersönlichen Raumes und die Einhaltung gewisser Regeln (kein gegenseitiges Berühren, keine Erwartungshaltung geliebt zu werden, kein Anspruch auf den Austausch persönlicher Geschichte, etc.). All dies führt dazu, dass sich Menschen auf eine sehr intime und sexuelle Situation einlassen können, die nicht auf persönliche Bindungen und Liebe gegründet ist.

Häufig erkennen Menschen erst durch eine solche Erfahrung, dass Berührungen, gerade auch im Intimbereich, durchaus Fertigkeiten und Praktiken voraussetzen, die dem Empfänger großen Genuss und ein breites Erlebnisspektrum zugänglich machen können, ohne das „Liebe“ im persönlichen Sinne eine Rolle spielen muss.
Der Empfänger der Massage hat so die Möglichkeit, den eigenen Körper und seine Reaktionen auf verschiedene Berührungsarten ungestört zu erleben und sein Empfindungsvermögen durch die Künste des Masseurs zu erweitern.

Stefanie

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