Ann-Marlene Henning im ANANDA-Interview: Sexuelles Fachwissen statt Blabla

amh2Wir haben mit der bekannten Sexologin über Scham, Verklemmtheit und Sex als Thema in der Öffentlichkeit geredet.
Wie wir sieht auch sie sich als Pionierin auf einem Feld, das in unserer Medienwelt zwar überall präsent ist, das aber noch lange nicht die Freiheit genießt, die wir uns wünschen. Eine weitere Gemeinsamkeit fanden wir in der zentralen Bedeutung, die Ann-Marlene dem Körper gibt, wenn es darum geht, unsere Sexualität besser zu verstehen.

Auch einige unserer ANANDA-Kolleginnen sind gut geschult in der Anwendung des Sexocorporel-Konzepts, das sie in diesem Zusammenhang erwähnt. Ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, dass sich etwas zum Positiven verändert, mag man darin sehen, dass die neue Staffel von Ann-Marlenes erfolgreicher Fernsehsendung „Make Love“ in diesem Sommer nicht mehr spätnachts in einem ARD-Landessender läuft, sondern an prominenter Stelle im ZDF.

ANANDA: Man hört Geschichten aus dem Fernsehbetrieb, dass Talkshow-Gäste nicht vor die Kamera gehen, wenn sie wissen, dass du mit ihnen gemeinsam in der Runde sitzen wirst. Gleichzeitig behandelt man dich freundlich und macht dir vielfach Komplimente für deine Arbeit – aber nur, wenn keiner zuguckt. Herrscht hier also eine Art Doppelmoral?

Ann-Marlene Henning: Es geht darum, dass die Leute sich für ihre eigene Person schämen. Die haben Angst, dass ich sie frage, wie es bei ihnen privat so läuft. Dabei würde ich das nie tun. Man ist mir vorher schon als Psychologin so begegnet. Die Leute denken, ich könne durch sie durchgucken. Und jetzt kann ich auch noch sehen, welchen Sex die haben.

Hat das auch damit zu tun, dass sich dein erstes Buch um Kinder und Jugendliche dreht, während es in deinem neuen um Erwachsene geht?

Ja, klar. Wie auch in meiner Sendung geht es jetzt um den Sex der Erwachsenen. Sobald es in den Talkshows auf dieses Thema kommt, guckt mich keiner mehr an. Und hinter den Kulissen stehe ich alleine mit meinem Getränk da, und alle senken den Blick. Sitze ich dann vor der Kamera und will meine Redezeit haben, flippen alle aus, rutschen auf den Stühlen hin und her und werden präpubertär. Ab einem gewissen Alter, und da zähle ich mich selbst dazu, ist beim Sex einfach nicht alles wie vorher. Und das ist ungewöhnlich, die Leute haben so einen Schiss. Aber die Zuschauerquote knallt jedes Mal nach oben, und wenn ich dran bin, dann steigert sich die Spannung. Es gibt auf jeden Fall nach wie vor eine Art von Doppelmoral.

Wie wirkt sich diese heutige Variante von Doppelmoral anders aus als ihre verklemmte Vorläuferin der 50er Jahre?

Ich bin echt giftig. Ich bekomme zum Beispiel keine einzige private Einladung. Ich kenne einige Promis, mit denen ich in Shows saß, und ich kann auch vorsichtig sagen, dass einige bei mir in der Praxis waren. Aber da kommt nie ein „Lass uns mal einen Kaffee trinken gehen“. Die Leute haben Angst, weil ich unbequem und ehrlich bin. Dabei gibt es wirklich kein Beispiel, wo ich jemanden bloßstelle. Ich mache übrigens auch ganz andere Sachen. So war ich im letzten Jahr in die Schweiz eingeladen, einen Vortrag vor vierhundert mittelständischen Unternehmern zu halten. Dabei ging es darum, wie man sich präsentiert, wie man authentisch bleibt und wie man an seine eigene Idee glaubt. Das Ganze lief unter dem Überthema „Pionierin sein“.

Wie ist es denn heute noch möglich, im Bereich der Sexualität Pionierin zu sein?

Eigentlich würde man sagen: Nee, das geht nicht, da kann man ja beim Kamasutra anfangen. Aber aus einem anderen Perspektive stimmt das nicht. Es gab einige Frauen und Männer, die sind dermaßen gegen den Strom geschwommen, wie beispielsweise Masters und Johnson oder Kinsey. Nur wegen denen kann ich machen, was ich mache. Und gleichzeitig bin ich eine Art Pionierin, vor allem auf einem Feld, das sich Sexocorporel nennt. Dabei steht der Körper im Zentrum. Denn es ist unfassbar: Die Leute reden nicht über den Körper. Wir haben aber Sex mit dem Körper. Hier ist echte Pionierarbeit zu leisten. Die Leute machen dicht – ich muss das Thema bei öffentlichen Veranstaltungen richtig hart durchziehen, weil die Leute anfangs gehen wollen. Nach 45 Minuten geht es dann auf, aber der Weg dahin ist manchmal furchtbar.

Das klingt aber so, als ließen sich die Leute von dir auch überzeugen. Was ändert sich denn in deiner Wahrnehmung dadurch?

Ich freue mich so darüber, dass mir mittlerweile ganz viele Leute schreiben, Ärzte, Priester, Sozialpädagogen. Und Kollegen, die sagen: Wow, die Aufmerksamkeit, die du für unsere Branche auf fachliche, sachliche und ernste Weise bringst, ist toll. Nicht mit Sensationsdreh, nicht grell und bunt, und nicht mit „Hey, Ficken!“-Blabla. Wir werden das wahrscheinlich in unserer Lebenszeit nicht alles umkehren können, aber wir können etwas tun, so dass sich Kleinigkeiten verändern. Das alles sitzt so tief und ist so dermaßen verboten.

Ist das denn ein speziell deutsches Phänomen? Dein ursprüngliches Heimatland Dänemark hat ja bei uns den Ruf, sexuell besonders liberal zu sein.

Im Grunde sind die Dänen das aber gar nicht. Auf gewisse Weise vielleicht, weil sie mehr wissen und mit dem Thema schon früher konfrontiert wurden. Auch durch das Fernsehen. Das sehe ich schon so, dass das Land in diesem Punkt liberaler ist, es ist ja überhaupt so ein Sozialland. Die Dänen kümmern sich um die Bildung ihrer Bürger, und dazu gehört die Sexualität. Aber wenn ich mein Aufklärungsbuch im Vormittagsprogramm vorstellen will, dann hat man zwar großes Interesse, aber es findet nicht statt. Wir wollten dafür zwei Teenager haben, die miteinander reden. Jeder kennt mich da oben als Sexologin, und wir haben über facebook, meinen Verlag, mein Sexologen-Netzwerk und über die TV-Redaktion gesucht. Es fanden sich keine zwei 16- bis 19jährige, die sich getraut hätten, im Fernsehen zu sagen, woher sie ihre sexuelle Aufklärung bekommen haben. Liberal ist also anders. amh1

Es gibt also keine großen Unterschiede?

Ich glaube, es gibt so etwas wie eine Weltscham. Die gibt es immer und überall. Es ist nicht die Religion, sondern es sind die Kirchen verschiedener Glaubensrichtungen, also wenige Leute, die etwas über andere ziehen wollen, weil man damit Menschen so toll kontrollieren kann. Das ist das Problem. Überall auf der Welt, wo es das gab, ist es anders, verpönt, verboten. Es gibt aber noch Stämme, wo es nicht so war, und siehe da: Die vögeln nett im Gebüsch, weil es okay ist, mit jedem zu vögeln. Vielleicht ist das ein dummes Beispiel, aber es ist plakativ.

Wie können wir denn die Veränderungen erreichen, die wir uns wünschen?

Das ist eine richtig große Frage. Ändern muss sich ja erst, dass man darüber ganz normal sprechen kann. Da sind wir also wieder bei der Scham. Je mehr Leute sich trauen, darüber zu reden und dazustehen und dabei sauber zu sein, desto mehr Leute kriegen es da draußen mit. Deswegen meine ich, dass das nicht in unserer Zeit erreicht sein wird. Das kommt ja noch nicht in den Dörfern und auf dem Land an, das ist bisher eine Sache der Großstädte, des Fernsehens, der gebildeten Leute. Es gab immer kleine Kicks, wie beispielsweise durch Günter Amendt, der übrigens mein Nachbar war, dessen Bücher über Sex in den 70er Jahren einen riesigen Hype hatten. Aber die landen dann auf der Schwarzen Liste, und man wird mundtot gemacht. Leute müssen aber dauerhaft und entspannt darüber reden können, so dass man Antworten bekommen kann. Leute müssen anfangen zu reflektieren und sich fragen, warum es falsch sein soll, wenn sich ein kleines Gör genital anfasst, frech grinst und wahnsinnig Spaß hat. Aber bis das beim kleinen Mann ankommt, ist es ein ewiger Weg.

Wir empfehlen Ann-Marlene Hennings aktuelles Buch „Make More Love“

MakeMoreLove

Obwohl wir immer älter werden und unsere Lebenserwartung rasant steigt, ändert sich nichts an dem Vorurteil: Sex und Alter passen nicht zusammen. Alte Menschen haben keine Leidenschaften, keine schmutzigen Gedanken, keine heimlichen Affären. Wie ist Sex, wenn man älter wird? Was ändert sich im Bett, wenn der eigene Körper nicht mehr so funktioniert wie früher? Was kann ich tun, was sollte ich wissen? Wie gelingt es, nach zwanzig Ehejahren noch Lust aufeinander zu haben? Wie kann ich auch als älterer Single mein erotisches Potential ausschöpfen? Und geht es nach der Menopause mit dem Sex wirklich nur noch bergab? Trotz des ganzen Sex-Geredes fehlen kompetente Antworten auf diese Fragen. Denn guter Sex fällt nicht vom Himmel. Er ist eine Frage der Kommunikation, der Übung, des Wissens und der Intimität. Neben dem Text spielen wie im ersten Buch Fotos eine Hauptrolle. Diesmal erzählen sie kleine Liebesgeschichten einiger Paare und eröffnen einen neuen Blick auf die Schönheit des Alters. „Make More Love“ soll Sex so zeigen, wie er ist und wie er sein könnte. Es soll mit Vorurteilen aufräumen, Mut machen, Neugier wecken, beraten, begleiten und Spaß machen.

Erschienen bei Rogner & Bernhard, 352 Seiten, 22,95 Euro 

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