Alex: Opfer, Täter – Heiler?

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Liebe Leser,

wir freuen uns, Euch heute ein sehr persönliches Interview mit Alexander vorzustellen, in dem er von seinen eigenen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen in seiner Kindheit offen berichtet und wie Tantramassage ein Weg für ihn gewesen ist, damit umzugehen und die Freude und Lust wiederzufinden.
Vielleicht können Alexanders Erfahrungen  Hoffnung geben, dass Zeit und Behutsamkeit die Wunden heilen können und wie ein Weg aussehen kann, der zu neuer Lebenslust zurück führt. 


Was hat Dich zur Tantramassage gebracht?

Das ist eine lange Geschichte. Ich wurde mit vier oder fünf Jahren von einem Bekannten meiner Mutter missbraucht. Ich hatte es völlig vergessen, und es kam als unterdrückte Erinnerung wieder hoch. Ich konnte mich zwar an Gewalt erinnern, nicht aber an einen sexuellen Missbrauch. Ich fühlte mich jedoch in meinen späteren Leben immer stark zu sexuellen Themen hingezogen, zu sexueller Freiheit. Es war mir zunächst völlig unklar, dass das, was ich dabei suchte, eine Art von Heilung war. Ich hatte starke Scham- und Schuldgefühle. Vor ungefähr fünf Jahren bekam ich in London dann meine erste Tantramassage. Das war eine unglaubliche Erfahrung. Interessanterweise geschah während der Massagesitzung selbst nicht viel. Ich bekam die Massage, verließ die Praxis, war irgendwie wütend und enttäuscht, dachte: Was für ein Mist, die hat mir bloß einen runtergeholt, das war nicht das, was ich wollte. Ich ging in einem Park spazieren, und es ist nicht leicht zu beschreiben, was dann passierte. Plötzlich fingen meine Beine zu zittern an, und dann sah ich mich selbst wieder in der Massage. Aber ich sah dabei völlig verdreht und verkrümmt aus. Ein wirklich symbolhaftes Bild, und ich wusste sofort, was es bedeutete. Ich heulte ewig. Es war ungeheuer intensiv. Meine eigene Situation war mir blitzartig klargeworden.

Die Massage hat etwas freigesetzt?

Ja, sie hat geholfen, etwas loslassen. Von diesem Moment an war ich auf der Spur. Ich hatte vorher schon darüber nachgedacht, mit Menschen als Therapeut zu arbeiten. Hier hatte ich nun einen Weg gefunden, der mir dafür sinnvoll erschien. Ich hatte immer schon diese sehr spezielle Beziehung zu den Themen Sexualität und Heilung gehabt. Ich lernte dann eine Frau kennen, die die Massage im Diamond Lotus in Berlin gelernt hatte. Sie empfahl mir die Ausbildung, und das brachte mich nach Deutschland. So begann meine eigene Reise zur Tantramassage. Nach einem Jahr in der Diamond-Lotus-Gemeinschaft kam ich nach Köln. Ich konnte durch all das einen neuen Umgang mit Gefühlen wie Scham und Schuld finden, und ich lernte ganz neue sexuelle Dimensionen kennen.

Du bringst also einen ganz besonderen biographischen Hintergrund mit. Auf welche Weise beeinflusst das Deine eigene Massagearbeit?

Es gehört zum wichtigsten, was ich gelernt habe, mit solch schwierigen Erfahrungen umzugehen. Es ist auch ein anhaltender Prozess. Zunächst musste ich meine eigene Geschichte akzeptieren und dann lernen, nicht sofort an dem anzusetzen, was ich bei anderen Menschen sehe. Bis ich etwa Ende zwanzig war, ging es mir oft darum, mich unter Beweis zu stellen, und ich neigte dazu, den Leuten Dinge auf den Kopf zuzusagen. Das war nicht hilfreich. Die größte Herausforderung ist es also, Leute zu erreichen, ohne mit dem Finger auf etwas zu zeigen und zu sagen: Hier unterdrückst Du etwas, hier hast Du ein Schuldgefühl. Es geht darum, mit diesen Dinge stillschweigend zu arbeiten, und generell darum, Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind.

Du kennst bestimmt die mythologische Figur des verwundeten Heilers. In welcher Weise kannst du dich damit identifizieren?

Das liegt mir nahe, auf jeden Fall. Als ich C.G. Jung gelesen habe, habe ich dort einiges über den verwundeten Heiler und die Gefahren gefunden, die ihn bedrohen. Es ist ja bekannt, dass viele Leute, die in therapeutischen Berufen tätig sind, selbst Schwierigkeiten zu bewältigen hatten. Das Thema ist mir also gut vertraut, und man muss es sich immer wieder in Erinnerung rufen, da man auch mit sich selbst in diesen ganzen Prozessen arbeitet. Es geht also nicht immer nur darum, wie man dem anderen helfen kann, oft geht es auch die eigenen Themen, wenn man so eng mit Menschen arbeitet. Anfangs war ich durchaus zerrissen zwischen dem Wunsch, dem anderen und mir selbst zu helfen. Es ging ja vor allem darum, ein Grundvertrauen aufzubauen, weil das genau das ist, was einem als Opfer eines Missbrauchs genommen wird. Man hat keine Kontrolle, keine Macht und der größte Selbstausdruck, den mein eigentlich durch seine Sexualität haben kann, ist beschädigt. Deshalb ging es anfangs ganz klar darum, mein Selbstvertrauen zu finden, das Gefühl zu bekommen: Ich bin etwas wert, daher ist auch meine Sexualität etwas wert. Von diesem Punkt aus konnte ich anfangen, mit anderen zu arbeiten und versuchen, sie an einen ähnlichen Punkt zu bringen, wie ich ihn gefunden hatte.

Wie genau hilft denn eine Tantramassage dabei, mit solchen Lebenserfahrungen umzugehen? Sich vor einer fremden Person auszuziehen und sich von ihr am ganzen Körper berühren zu lassen, verlangt ja bereits großes Vertrauen.

Das, was in einer Massage gewonnen werden kann, hängt vor allem von den Klienten und ihrer Absicht ab. Wenn ihnen klar ist, dass sie nach so etwas wie Heilung suchen, ist die Chance wesentlich größer, dass dies auch passiert. Ganz allgemein ist es aber heilsam, wenn Teile des ureigenen Wesens, in diesem Fall speziell die Sexualität oder der Körper, von einer anderen Person bedingungslos akzeptiert, respektiert, genährt und geliebt werden. Das hilft, alte Formen von Beziehungen zu heilen, auch die zu sich selbst und zum eigenen Selbstbild. Ich habe es immer wieder erlebt, dass Leute sagen, sie seien noch nie so wie in der Tantramassage berührt worden. In den allermeisten Beziehungen gibt es einfach zu viel altes Gepäck. Die Art der Beziehung in der Massage schafft da einen sicheren Raum.

Auf welche andere Weise als beispielsweise eine psychotherapeutische Behandlung kann die Massage helfen?

Wir leben ja in einer ohnehin sehr vom Kopf gesteuerten Kultur. Und meist sind es intelligente Menschen, die eine Therapie machen. Doch es kann zum schlimmsten Feind werden, wenn man die eigenen Probleme einfach nur kennt. Manche Menschen, die man auf etwas hinweist, sagen nur noch reflexhaft: Ja, das weiß ich schon. Etwas auf diese Weise zu wissen, kann heißen, dass man gar nicht mehr in einem tiefen Sinne daran rühren kann. Ich erinnere mich an eine Frau, mit der ich zusammen ein Tantramassage-Seminar gemacht habe. Sie hatte bereits zwanzig Jahre Psychotherapie hinter sich – aber ich glaube, dass sie in der einen Seminarwoche mehr über sich gelernt hat als in zwanzig Jahren Therapie. Die Macht der Tantramassage liegt darin, unsere Beziehungen zu schlechten Erfahrungen und Erlebnissen, zu Traumata, verwandeln zu können. Nicht, indem man sich diese bloß bewusst macht. Es läuft viel unmittelbarer, direkter ab. Allein schon deshalb, weil die Art der Beziehung im Raum der Tantramassage eine so spezielle ist. Man merkt, wenn sich etwas gut anfühlt, auch wenn man dachte, dass dies nicht der Fall sein würde. Dies kann auf sehr rasche Weise die Beziehung zu unseren Gefühlen verändern. So war auch mein eigenes Erleben, also das Weinen im Park, kein Ausdruck von Schmerz, sondern von Freude: Endlich, so dachte ich, hat diese Sache ihren Platz. Mein Problem lag nicht in der Traumatisierung selbst, sondern darin, dass das Gefühl dazu unterdrückt und verboten war. Eine Frau sagte mir mal während einer Massage, die ich ihr gab: Ich fühle mich schuldig, dass ich das gerade so genieße. Aus meiner Sicht ist es einer der wichtigsten Aspekte der Tantramassage, dass einem klar wird, dass es erlaubt ist, sich gut zu fühlen, sich beseelt vor Glück zu fühlen. Ja, es ist nicht nur erlaubt, es ist eine Art Grundrecht von uns als Menschen.

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Alexander kommt aus London und ist seit Sommer 2013 Teil des Ananda Teams. Er spricht englisch und nur wenig deutsch.
Tipp: Paarmassagen oder vierhändige Massage von Alex und seiner Partnerin Stina sind ein ganz besonderes Erlebnis.

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