SEXarbeiterin – die Dokumentation im Kino

SA_A6Vieles aus dem Film trifft auch auf unsere Arbeit bei Ananda zu und so war es nicht verwunderlich, dass rund 10 Frauen aus unserem Team, sowie etliche Freunde zur Köln Premiere mit Podiumsdiskussion kamen.
Lena Morgenroth steht mit Begeisterung hinter ihrer Arbeit  und tritt dafür mit ihrem bürgerlichen Namen ein: ähnlich wie wir kämpft sie um eine allgemeine gesellschaftliche Anerkennung dieses schönen Berufes. Der Film zeigt den ganz normalen, wenn auch sehr freigeistigen Alltag einer Tantramasseurin in Berlin.
Eine Rezension von Julia

Sexarbeit. Was bedeutet das? Im Ananda kommt häufiger mal das Gespräch darauf: Sind wir Sexarbeiterinnen oder nicht? Wie bezeichnen wir uns selbst? Einerseits können und wollen wir nicht bestreiten, dass unsere Arbeit mit Sexualität zu tun hat, andererseits setzen wir uns für eine eigene, neue Berufsbezeichnung ein und möchten eine spezifische Regelung für unseren Berufsstand, der eben weder zur Wellnessmassage zählt, noch, wie wir meinen, zur Prostitution. Es geht nicht darum, dass wir uns als „heilig“ oder „heilend“ sehen, sondern darum, dass wir wissen, was Sexarbeit, was das Wort Prostitution in den Köpfen der Menschen auslöst – das Bild der viktimisierten, ausgebeuteten Frau, die vom Patriarchat unterdrückt und zur Sexarbeit gezwungen wird. Wir dagegen versuchen, eine Form von sexueller Kultur in die Gesellschaft zu bringen, die öffentliche  Anerkennung findet, und zwar unter anderem über eine klare berufliche Regelung.

„…dass Sexarbeit eine Arbeit ist wie jede andere“

Dieser Film machte Mut. Denn an ihm wird deutlich, dass Sexarbeit eine Arbeit ist wie jede andere: Es gibt dafür einen eigenen Berufsverband (Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V), jede von uns führt ihre Buchhaltung, macht Geschäftstermine aus, ärgert sich schon mal über unfreundliche Gäste und hat besondere Strategien und Methoden im jeweiligen Arbeitsablauf. Im Film wird Einblick in auch unseren Arbeitsalltag geboten: die gesamten Handlungsabläufe, wie Raum vorbereiten, sich umziehen, duschen, Kerzen anzünden und auch das Geben der Massage selbst. Mit Lenas gezeigtem Alltag können die meisten von uns sich gut identifizieren: sei es einfach nur mal eben das  Altglas wegbringen oder die Schilderung von Gästen, die sich ausführlich am Telefon beraten lassen und dann doch nicht erscheinen. Genau wie die berührenden Szenen, die Lena im Kontakt mit ihren Kunden erlebt und  in denen deutlich wird, wie viel Nähe und Geborgenheit diese Begegnungen beinhalten. Gar nicht das, was man sich unter oft rein kommerziell gedachter Prostitution und Sexarbeit vorstellt, sondern sehr viel menschliche Wärme, Nähe, Gehaltenwerden, Trost, dazu aber sexuelle Leidenschaft, Genuss, Lebensfreude und Hingabe. Was Lena und viele gute Tantramasseure und –masseurinnen auszeichnet, sind die Fähigkeit und Bereitschaft, Menschen nahe zu kommen, auch und gerade mit dem ganzen Körper auf sinnliche und erotische Weise.

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Tantramassagen sind ein Teil von Lenas Angebot.

Stilistisch wurde der Film in Schwarz-Weiß gedreht, um der üblichen Pornoästhetik entgegenzuwirken. Das kann ich gut nachvollziehen, da ich selbst Kunst mache und meist in Schwarz-Weiß arbeite. Meine Bilder haben häufig sexuelle Inhalte und Ornamente in einer einfachen Zeichnungstechnik. Das Schwarz-Weiß reduziert die Information und verhindert das Abrutschen in den Kitsch. Lena hatte zunächst etwas Sorge, ob dadurch ihre Arbeit nicht überästhetisiert würde, aber das ist überhaupt nicht der Fall. Es wurde nichts geschönt. Das Schwarz-Weiß unterstützt die Nüchternheit und Klarheit des Films.

Die Teilnehmer der anschließenden Podiumsdiskussion von links: Claudia Zimmermann-Schwartz (Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen und Leiterin des Runden Tisch für Prostitution NRW), Harriet Langanke (Journalistin), Sobo Swobodnik (Regisseur), Arndt Klocke (Moderation "Grünes Kino), Lena Morgenroth, Hans Mörtter (Pfarrer Lutherkirche Köln) sowie Dr. Anne Bunte (Amtsleiterin Gesundheitsamt Köln).

von links: Claudia Zimmermann-Schwartz, Harriet Langanke, Sobo Swobodnik, Arndt Klocke, Lena Morgenroth, Hans Mörtter sowie Dr. Anne Bunte.

 

Die anschließende Podiumsdiskussion war mit spannenden Fachleuten besetzt und wurde von dem Grünen-Landtagsabgeordneten Arndt Klocke kompetent und einfühlsam moderiert. Neben Lena Morgenroth selbst und Regisseur Sobo Swobodnik beteiligten sich Claudia Zimmermann-Schwartz, Leiterin des „Runden Tisches Prostitution NRW“, Anne Bunte, Leiterin des Gesundheitsamtes der Stadt Köln, Südstadt-Pfarrer Hans Mörtter sowie GSSG-Gründerin und Sexualwissenschaftlerin Harriet Langanke an der Diskussion.

Hier wurden die unterschiedlichen Formen von Prostitution deutlich gemacht, und dass es DIE Prostitution eben nicht gibt, sondern viele Arten: von der selbst bestimmten, gut ausgebildeten Frau oder dem Mann, die auch viele andere Berufsoptionen hätten und sich bewusst für Sexarbeit entschieden haben, bis hin zu (fast ausschließlich) Frauen aus anderen Ländern, die kaum bis kein Deutsch können und hier zu dieser Arbeit gezwungen werden. Der Film hat nicht den Anspruch, einen repräsentativen Überblick zum Thema Sexarbeit zu vermitteln, sondern will nur einen kleinen Ausschnitt davon zeigen. Zweifellos gibt es neben Frauen wie Lena und uns Ananda-Masseurinnen auch solche, die diese Arbeit ausschließlich wegen des Geldes machen oder weil sie für sich keinerlei Alternativen auf dem Arbeitsmarkt sehen. Auch Zwangsprostitution und Menschenhandel gibt es natürlich, aber das sind keine Berufe. Auch diese Abgrenzung wurde deutlich gemacht. Auch, dass wenn die Prostitution in den Untergrund gezwungen wird, die Kriminalität darin logischerweise eher zunehmen wird.

„Dem Mythos folgend, dass nur Sex mit Liebe schöner Sex sein kann, was mir eine der  größten Lügen unserer Generation zu sein scheint“

In der anschließenden Podiumsdiskussion kam vom Publikum die brennende Frage, die jede von uns Masseurinnen bestimmt schon gestellt bekam: wie sich diese Arbeit denn auf die eigene Sexualität auswirke, und dahinter steckt oft die Vorstellung, man würde taub, weil man so viel abspalten müsse, weil man ja nicht einfach so mit Fremden intim werden könne usw. Dem Mythos folgend, dass nur Sex mit Liebe schöner Sex sein kann, was mir eine der  größten Lügen unserer Generation zu sein scheint. Damit wird nach wie vor ein Mythos rund um Sexualität aufrechterhalten, der es uns allen schwermacht, sich ehrlich mit dem Thema auseinanderzusetzen, zumindest in der Öffentlichkeit. Schön war Lenas klare Antwort, dass sie sich und ihre sexuellen Bedürfnisse über die Arbeit besser kennenlernen konnte und ihre Sexualität sich dadurch deutlich spannender, ehrlicher und befriedigender für sie und ihre Partner entwickelt hat. Dass sie lernte, was ihr Spaß macht, dass sie auch lernte, dies zu kommunizieren: und zwar ihren Partnern direkt, auch während des Liebesspiels. Dass sie Worte für ihre Wünsche fand, war bereichernd und erfüllend für alle Beteiligten.

Martina Weiser (Ananda Köln) mit Lena Morgenroth - man kennt sich über gemeinsame Freunde und durch die Crowdfunding Aktion für den Film

Martina Weiser (Ananda Köln) mit Lena Morgenroth – man kennt sich über gemeinsame Freunde und durch die Crowdfunding Aktion für den Film

Ich erlebe das an mir selbst sehr ähnlich. Bei mir, bei meinen Kolleginnen und bei meinen Kollegen. Auch meine Gäste verändern sich, werden offener und klarer mit ihren Wünschen, wenn sie häufiger zur Massage kommen, lernen ihren Körper besser kennen oder kommen gleich mit Partner zur Paarmassage oder zum Coaching. Was wir machen, und das wurde in diesem Film deutlich: Wir geben der Sexualität einen kunstvollen, kreativen Rahmen, der viele neue Möglichkeiten eröffnet, Sehnsüchte erfüllen kann und neue Impulse gibt. Außerdem zeigt Lena, zeigen auch wir als Tantramasseur/-innen, dass befriedigende Sexualität nicht ausschließlich über Penetration erreicht werden kann. Für uns ist dies ein wichtiger Baustein zum Aufbau einer offenen und lebensbejahenden sexuellen Kultur.

„der Regisseur selbst (…)  erfuhr Stigmatisierung, als er die Crowdfounding Campagne startete und dafür Sexarbeit angeboten hat.“

Mir machte die anschließende Diskussionsrunde Mut und gab mir Selbstbewusstsein im Umgang mit meiner Arbeit in der Öffentlichkeit. Auch dass Frau Zimmermann-Schwartz bestätigte, wie viel Schmerz an diesem Stigma hängt, sowie der Regisseur selbst, der genau diese Stigmatisierung erfuhr, als er die Crowdfounding Campagne startete und dafür selbst Sexarbeit angeboten hat. (Siehe auch unser Beitrag hier)
Man ist damit nicht alleine. Das gibt mir Kraft, mich noch mehr zu engagieren und mich ehrlich mit meiner Arbeit zu zeigen. Es tat mir und meinen Teamkolleginnen gut, dass sich alle Fachleute einig waren: Eine Ausgrenzung von Sexarbeiterinnen nützt niemandem! Stattdessen sollten Respekt und Akzeptanz für eine freiwillige Berufswahl in diesem Bereich gefördert werden. Nach wie vor ist gleichzeitig weiterhin Hilfe für Menschen wichtig, die aus einer Not- oder Zwangslage heraus unfreiwillig in der Sexarbeit gelandet sind oder dorthin gezwungen wurden.

Wir brauchen Ehrlichkeit im Umgang mit Sexualität. Lenas ungeschönter Einblick in ihren Arbeitsalltag ist ein feministisches Manifest. Was im Refrain der starken, und im Gegensatz zur Nüchternheit des restlichen Films, dramatischen Filmmusik deutlich wird:

„Keep your body out of business, cause the body is holy ground… well it is my own precious body, so stop bossing me around!“

Vielen Dank!

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Julia-500x300Julia gehört zu den Liberty-Fachfrauen im Ananda-Team.
Berührung und die Auseinandersetzung mit Sexualität und Kunst brachten Julia sehr stark in die Verbindung mit ihrer Kraft und Kreativität.
Sie versteht ihre Arbeit als einen Beitrag zur Integration von Sexualität in jedem Einzelnen und in der Gesellschaft und vor allem als eine bewusste Hinwendung zur Freude und Fülle des Lebens.

4 Gedanken zu „SEXarbeiterin – die Dokumentation im Kino

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  2. Pingback: Die heilige Hure – Lichtseiten der Sexarbeit – Eva Hanson

  3. Pingback: Die heilige Hure – Lichtseiten der Sexarbeit

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