Erotik, Sinn und Sinnlichkeit

Was hat Bachs Fuge mit einem Orgasmus zu tun?


Warum schämen wir uns für sexuelle Lustgefühle – und akzeptieren andere Formen des Genusses?

Corinna aus dem Ananda-Team macht sich Gedanken über Erotik, Sinn und Sinnlichkeit.

Wenn wir an Sexualität denken, dann im Regelfall an zwei Körper, die irgendwie miteinander in Interaktion treten. Und zwar mit ihren Geschlechtsorganen. Dabei spielt Zuneigung oder sogar Liebe eine Rolle, vielleicht aber auch nicht.

Sexualität wird als triebhaft angesehen. Etwas, wofür sich viele sogar schämen, weil wir gelernt haben, dass dieser Teil unseres Daseins aus irgendeinem Grund nicht so wertvoll ist, wie unser Denken und unser Verstand. Viele von uns schneiden ihre Sexualität ab. Da gibt es dann etwas unterhalb des Bauchnabels, das nur zu ganz bestimmten Zeiten und nur unter ganz bestimmten Bedingungen gelebt werden darf, wenn überhaupt. Oft ohne überhaupt mal richtig hin zu sehen.

In dem Wort „Lust“ steckt dagegen sehr viel mehr als in dem Begriff “Sexualität”. Und es scheint mir, dass wir dieses Wort nicht ganz in seiner Fülle ausschöpfen.

  • Ich habe Lust auf ein Eis.
  • Ich habe Lust auf einen Tag am Baggersee.
  • Ich habe Lust auf heißen, wilden Dschungelsex.

Lust ​ auf ​ etwas haben, heißt, ein Bedürfnis spüren und einen Weg finden, es zu erfüllen. Also ein Begehren jenseits der Gegenwart.“

Lust kann uns aber auch in die Gegenwart holen. Lust gewinnen oder erfüllen wir über unsere Sinne. Je nachdem, wie man rechnet, gibt es fünf oder zwölf Sinne. Und jeder dieser Sinne führt uns in jedem Augenblick unseres Daseins Reize zu, die uns Lust machen oder Unlust. Und hier liegt das wahre Potenzial, die Verbindung zur Sexualität und unserer ganz persönlichen Sinnlichkeit.

  • Ich habe Lust an der Sonne auf meiner Haut.
  • Ich habe Lust an dem Geruch von Flieder.
  • Ich habe Lust an dem Erlebnis einer Mousse au Chocolate, die sich mir an meinen Gaumen schmiegt

Foto: unsplash

Lust ​ an ​ etwas zu empfinden hat orgastisches Potential.“

Zum Beispiel: Wenn ich in einem Konzert mit klassischer Musik sitze oder auch nur die Tonbandaufnahmen von Bachs Fugen höre, prickelt eine Gänsehaut meinen Oberkörper entlang bis hinauf zum Kopf, unter der Haut vibriert es und es rollt eine Energiewelle über meinen Oberkörper bis hin zum Scheitel, die einem Orgasmus sehr, sehr ähnlich ist. Das ist mein Musikorgasmus.

Wenn mich eine Situation besonders berührt, weil mir jemand etwas wirklich liebevolles gesagt hat, zwei Hunde absolut unbefangen und weltvergessen im Park toben, oder ich sehe eine besonders schöne Szene in einem Film, dann habe ich diese Welle von meinem Herzen aus. Sie rollt über meine Arme. Das ist mein Herzorgasmus.

Kürzlich hat jemand meine Füße massiert. Ganz achtsam und liebevoll. Da hatte ich einen Fußorgasmus, der bis in meine Yoni schwappte. Wenn ich wirklich traurig bin und herzlich weinen muss, dann habe ich manchmal einen Weinorgasmus. Der sitzt irgendwo zwischen Herz und Bauch.

„Nach all diesen “Orgasmen” habe ich das für mich typische Gefühl von gelöst sein, Entspannung und Zufriedenheit.“


Sind das Zustände, die ich mit Scham verstecken und sogar meiden sollte?

Nein! Natürlich nicht. Es sind Zustände, die mir ein Gefühl von Lebendigkeit und Verbundenheit geben, die mich Stress abbauen lassen und für mich zu einer guten Psychohygiene gehören. Die Begrenzung, die in dem Wort “Sexualität” steckt, nimmt uns viel von unserem sinnlich-sexuellen Potential. Es gehört zu unserer Ganzheit als menschliche Wesen, dass wir an der Welt Lust entwickeln und empfinden. Das wir uns selbst dadurch wahrnehmen und Freude haben.

Die Gefühle, die wir während des Sex empfinden, sind natürlich besonders intensiv und für den Einen oder die Andere manchmal auch der einzige Weg, in diese wunderschöne Energie zu kommen. Aber das heißt nicht, dass Sexualität in einer weiter gefassten Interpretation nicht auch funktioniert. Das ist dann einfach Übungssache.

Mein persönlicher Tipp: Achte darauf, wie dein Körper auf verschiedene Sinneseindrücke reagiert, lasse zu, wenn sich ein Gefühl ausbreitet und beobachte es. Dein Leben wird dadurch voller und reicher und du wirst dich lebendig und freier fühlen. Im Hier und Jetzt.

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Über ANANDA Tantra & Sexualcoaching

ANANDA wurde 1997 von engagierten Bodyworkern in Köln gegründet, es war die erste Praxis für Tantra-Massage und Sexualcoaching in Nordrhein-Westfalen. Heute haben wir mit einem Team von rund 30 Frauen und Männern das größte Angebot in Deutschland. Massagen, Coachings, Workshopgruppen und kleine Events - Möglichkeiten für jedes Budget. Interviews mit der Praxisleiterin Martina Weiser, u. a. für den WDR, Süddeutsche Zeitung, die Magazine Focus und Myself und den Kölner Stadtanzeiger unter www.ananda-massage.de Mitglied im Berufsverband für ganzheitliche Körperarbeit.

Ein Gedanke zu „Erotik, Sinn und Sinnlichkeit

  1. Liebe Corinna,

    wir haben uns bei der Ausbildung von Michaela kennengelent.. Danke für diesen Text! Gerade Männern fällt es aus meiner Erfahrung heraus schwer, zu akzeptieren oder überhaupt erst einmal zu erfahren, dass es nicht nur den „einen“ Orgasmus gibt. Sondern viele unterschiedliche Arten davon. Selbst in tantrischen Seminaren werde ich mit großen Augen und offenen Mündern angestarrt, wenn ich erzähle, dass ich Orgasmen ohne Ejakulation kenne.

    Orgasmen in der Mehrzahl deswegen, weil ich selbst davon mittlerweile mehrere „Varianten“ erlebe. Mein Empfinden hat sich hier im Lauf der letzten vier Jahre des Öfteren verändert. Seit ich durch die Massage-Arbeit aber auch durch ein Jahrestraining sehr viel intensiver in mich hineinspüre, ist die Bandbreite deutlich facettenreicher geworden.

    Von Frauen, die sich mit Tantra beschäftigen, höre ich ganz Ähnliches: Dass sie sich lange unter Druck gesetzt fühlten, „richtige“ Orgasmen zu erleben. Die Bilder aus den Medien und aus Pornos erweckten in ihnen den Eindruck, ein Höhepunkt müsse so aussehen, und nicht anders. Dann ist es kein Wunder, wenn Ekstase mit etwas in Verbindung gebracht wird, das spitz, laut, grell, ergießend und vor allem schnell und kurz ist. Ich habe hier mehr darüber geschrieben: https://nachspueren.de/lust/

    Was mich manchmal irritiert und auch ärgert ist, dass selbst in der Tantra-Massage-Szene einige (Frauen und Männer) auf diesen „klassischen“ Orgasmus hinzuarbeiten scheinen. Manchmal hat es fast den Eindruck, das müsse zu einer Massage dazugehören. Dem ist natürlich nicht so. Ich sage – wenn ich mich massieren lasse – immer vorneweg, dass ich nicht ejakulieren will. Dann erlebe ich Zustände, die deutlich mehr in die Tiefe gehen. Für die es keine Worte gibt, die zeitlos sind, und die vor allem nachwirken.

    Von daher Danke für deine Erinnerung, dass im sogenannten Orgasmus deutlich mehr steckt.. Wenn man sich die Zeit lässt und den Erwartungsdruck nimmt, auf ein bestimmtes bekanntes Ziel hinzuarbeiten.

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